Freitag, 22. Januar 2010

Frauen mit Mut und Herz



Es ist ein sonniger Herbsttag. Etwas unsicher betrete ich das Gelände des Leipziger Klinikums St. Georg. Ich werde im Haus 16 erwartet. Aber was wird mich erwarten? Neue Menschen kennen zu lernen, ist immer ein Abenteuer.
Schon im Gang ist leises Gemurmel zu vernehmen. Als ich den Raum der „Grünen Damen“ betrete, sind sie in ein heiteres Gespräch vertieft, Tee und Gebäck stehen bereit. Ich bin willkommen. Nach der Begrüßung werde ich schnell in das Gespräch einbezogen. Wir sitzen uns nicht in einem steifen Interview gegenüber, wir reden miteinander, als Menschen.
Gerade darum geht es den „Grünen Damen“: sich für Mitmenschen zu engagieren, die für kurze oder längere Zeit aus dem Strom des Alltagslebens gerissen wurden. Die „Grünen Damen“ sind keine Leipziger Erfindung. An verschiedenen Krankenhäusern in Deutschland gibt es Menschen, die sich wie sie für kranke Menschen einsetzen. „Grün“ steht für ihre ursprüngliche Bekleidung: die ersten Leipziger Damen trugen eine lindgrüne Kleidung. Heute sind sie äußerlich meist nur noch an einem kleinen Anstecker erkennbar.
Vor einigen Jahren, kurz nach der „Wende“, kam der Gedanke auf, auch in Leipzig Frauen und Männer zu bitten, sich für erkrankte Mitmenschen Zeit zu nehmen, sie zu besuchen oder kleine Wege zu übernehmen. Die ersten Grünen Damen wurden im Auftrag des Klinikums St. Georg angesprochen. Es fanden sich schnell einige Frauen bereit. Ihre Aufgabe ist es, auf eine ihnen zugeordnete Station zu gehen. Dort erfahren sie von den Krankenschwestern, wer nie oder nur selten Besuch bekommt oder wer sich ihren Besuch wünscht. Manchmal kommt es auch vor, dass um den Besuch der Damen gebeten wird. In den meisten Fällen aber gehen sie zu den Kranken, ohne vorher etwas von ihnen zu wissen. In der ersten Zeit schlug den Frauen oft auch Misstrauen entgegen: Wer sind die? Wollen die vielleicht jetzt ehrenamtlich unsere Arbeit übernehmen? Es war nötig, langsam Vertrauen aufzubauen. Denn keine der Frauen wollte zu einer Art ehrenamtlicher Krankenschwester werden. Sie wollen Menschen in einer schwierigen Lebenslage für eine Zeit begleiten, ihnen zuhören, vielleicht etwas vorlesen, mit ihnen spazieren gehen, wenn das möglich ist, oder kleine Wünsche erfüllen, ein Buch aus der Bibliothek holen beispielsweise.
Keiner weiß, wie es dem Patienten gerade im Augenblick des Besuchs ergeht: Hat er Schmerzen? Ist er müde? Möchte er allein sein? Nicht immer möchte man reden. Die Frauen werden deshalb nicht immer mit offenen Armen empfangen. Das ist verständlich. Dennoch musste jede lernen, mit dieser Ablehnung umzugehen. Für sie steht der Kranke im Mittelpunkt. Und er hat, wie jeder Mensch, das Recht auf ein „Nein“. „Man darf sich aber auch nicht zu schnell wegschicken lassen.“ Hinter manchem „Nein“ verbirgt sich ein scheues „Ja“. Es braucht nur den Raum und die Zeit, um sich zeigen zu können. Manchmal hilft es, Verbindendes zu erfragen: Wohnen Sie auch in Leipzig? Die Fragen entstehen nicht aus reiner Neugier, sondern aus dem Interesse, gerade mit diesem Menschen ein Gespräch zu beginnen.
Jede der Frauen hat ihre eigene Geschichte auf dem Weg zu den „Grünen Damen“. Einige wurden angesprochen, andere haben es selbst erlebt, wie schwer es ist, einen Menschen während der oft langen Zeit einer Erkrankung zu begleiten, andere suchten einen Weg, in der Zeit der Arbeitslosigkeit eine sinnvolle Aufgabe zu übernehmen und Kontakte zu erhalten. Alle hat diese Aufgabe verändert. Sie erzählen: Wenn man das Krankenhausgelände verlässt, spürt man oft den Tag ganz anders, egal ob es regnet oder die Sonne scheint, ob es angenehm warm ist oder klirrend kalt. Man lebt dankbarer. Jeder Tag ist geschenkte Zeit. Die Gespräche sind Geben und Nehmen. Es ist interessant, Menschen kennen zu lernen. Manche Begegnungen beeindrucken tief. Andere reizen noch nach Jahren zum Schmunzeln. Auf die Frage, ob sie ihr denn einen Wunsch erfüllen könne, bat eine Patientin: Oh ja, sie würde so gern ein Gehacktes-Brötchen essen …
Mancher Patient wünscht sich, dass der Kontakt über die Zeit im Krankenhaus hinaus erhalten bleibt. Der Wunsch ist verständlich. Die Frauen gehen offen damit um, geben dem einen oder anderen auch ihre Adresse. Aber im Allgemeinen verliert sich der Kontakt nach kurzer Zeit. Zum Glück! Die Frauen haben sich freiwillig verpflichtet, einmal wöchentlich für einige Stunden „ihre“ Station zu besuchen. Sie würden mit ihrer Zeit und Kraft schnell an Grenzen stoßen.
Die Frauen untereinander sehen sich eher selten. Da sie sich anmelden müssen, wissen sie, dass gelegentlich eine ihrer Kolleginnen zur gleichen Zeit auf einer anderen Station unterwegs ist. Aber man läuft sich kaum über den Weg. Manchmal telefonieren sie. Zwei- bis dreimal jährlich werden sie von der Verantwortlichen des Klinikums, Frau Günther, eingeladen und setzen sie sich auf einen Tee zusammen, wie heute. Dann tauschen sie sich über ihre Erfahrungen aus, hören einander zu. Einmal im Jahr nehmen sie an der Tagung der Evangelischen Krankenhaushilfe teil. Eine Tagung, auf der sich Ehrenamtlich treffen, Vorträge hören, Erfahrungen austauschen. Das empfinden sie als hilfreich für ihre Aufgabe. Sollte eine von ihnen einen so schweren Besuch zu verkraften haben, dass sie damit allein nicht mehr zurecht kommt, ist die Psychologin des Krankenhauses offen für ein beratendes Gespräch.
Als ich nach zwei Stunden das Krankenhaus verlassen, bin ich um vieles reicher: Ich habe sympathische und kompetente Frauen kennen gelernt, die sich einer Aufgabe stellen, für die viele keine Zeit mehr aufbringen: einander wahrnehmen und zuhören. Ihr Engagement hilft anderen weiter, tröstet, lenkt ab, lässt die Zeit im Krankenhaus schneller vergehen. Aus diesem Blickwinkel fällt ein anderes Licht auf Leipzig: Nicht nur eine Stadt der vielen Baustellen, nicht nur eine Stadt der vielen Arbeitslosen, nicht nur eine Stadt der Ellenbogen, nein, Leipzig ist leise und selbstverständlich an vielen verborgenen Orten, wie bei den Grünen Damen im St. Georg, auch eine Stadt der Mitmenschlichkeit.

Bettine Reichelt
www.bettine-reichelt.de